Farrera Reisebericht

In Farrera, in den Hochpyrenäen, für 3 Wochen leben und arbeiten zu können, war eine ganz besondere Erfahrung für mich. Zunächst hatte ich, aus der Rockmusik kommender Künstler, noch nie das Angebot, an einem Künstleraustausch-Programm teilzunehmen, oder ähnliches. Im Gegenteil, musste ich meistens, um in der Nähe einer natürlichen Umgebung arbeiten zu können, einen großen Aufwand betreiben, viele Beeinträchtigungen in Kauf nehmen. So war diese Reise schon vom Ansatz her eine angenehme Erfahrung, die Möglichkeit, daß mir tatsächlich konkret Förderung zu Teil wird, ohne (und jetzt kommt der wichtige Teil), ohne daß ich dafür konkrete, nachweisliche Ergebnisse zu zeigen hätte. Inspiration ist ein rätselhaftes Ding, zumeist scheu und schwer zu halten und selbst in einer beeindruckenden Landschaft wie eben im Tal von Farrera oder dem nahegelegenen Nationalpark St. Maurici lässt sie sich nicht auf Knopfdruck einschalten. Jedoch, gerade wenn man in den ersten Tagen eines solchen Aufenthaltes nicht gezwungen ist, auf sie zu achten, kommt von einer anderen Seite die Inspiration doch zurück. Es ist ja das Klischee von der Idylle in der Abgeschiedenheit einer (relativ) unberührten Landschaft, ja eben, ein Klischee. Aber mich hat die Ruhe, die Stille, die Freude sehr feine Luft zu atmen, doch angerührt und in einen Zustand der Bereitschaft versetzt. Nach und nach konnte ich den inneren Zensor, der auch jeden, noch so chaotischen Künstler irgendwann im Griff hat, um ihn zur ?Vernunft" zu bringen, doch loswerden. Anstelle dessen trat ein Gefühl der Freiwilligkeit, ja wirklich wieder freiwillig mein Bestes zu geben, auch etwas zu riskieren bei der Arbeit, um etwas neues zu gestalten oder- eben nicht zu arbeiten, sondern dann, bei Abwesenheit der Muße, hinauszugehen zu den Wiesen und Bächlein, und dem Blick auf ferne Gipfel.So ist uns, mir und meiner Partnerin Martina Grünewald, in mittern unseres sonstigen Schaffenszwanges, der Beginn einer neuen Arbeit, die Auseinandersetzung mit Klängen und Rhythmen in der Natur, gelungen, einer Arbeit auf die ich mich nun, wenn mir denn freie Zeit zur Vollendung dieser   bleibt, wirklich freue wie auf ein Vollbad oder eine Wanderung am Sonntag. Erholsame Kräfte scheinen mir diesen Kompositionen innezuwohnen und wenn auch dies, die heilende Kraft der Klänge in der Musik zum esoterischen Klischee erstarrt ist, so bin ich doch überzeugt, daß eine solche Arbeit, wenn sie aus einer gewissen Absichtslosigkeit heraus entsteht, über solche Eigenschaften verfügen kann. Dazu sind wir tatsächlich erst durch die Hilfe der ufa-Fabrik und Rudolf Brünger sowie natürlich dem Centre d´Art i Natura und dort Lluis Lobet und Cesca Gelabert in die Lage versetzt worden. Deswegen gilt diesen unser ganzer Dank!

Ein weiteres Phänomen unseres Aufenthaltes waren die Gespräche beim Abendessen. Der 21Uhr-Termin gehört in Farrera fest dazu und auch wenn diese Essenszeit meiner sonstigen Arbeitsweise zuwider läuft, da für mich persönlich die Zeit zwischen 20 h - und 24 h zumeist die fruchtbarste ist, habe ich durch die Anpassung meines Biorhythmus einiges gelernt. Der Mensch ist in vielem ein einfaches Wesen und das Ritual d es gemeinsamen Essens und des Gesprächs bewirkt tatsächlich eine einfache Veränderung: Man versteht die anderen besser; das gilt natürlich besonders für die Gastgeber und deren Sprache, in unserem Falle das Katalanische. Ich werde sicher bei meinen Leuten hier viel differenzierter über die Situation dieser Leute sprechen, von ihren Gedanken berichten und ein winziges Teilchen Interesse und Verständnis in Berlin sähen. Umgekehrt haben wir auch viele Fragen zur Situation der Deutschen oder dem Leben in Berlin beantworten müssen und vielleicht auch einen kleinen Funken Differenzierung zurückgelassen, gerade was die besonderen ?deutschen" Themen angeht. Ohne uns jetzt da besonders hervorheben zu wollen: Ich glaube, über bessere Botschafter des guten Willens als leidenschaftliche und gesprächsfähige Künstler kann ein Land wie Deutschland gar nicht verfügen, abgesehen natürlich von der Fußball-WM!

Auch der Kontakt zu anderen Künstlern, ihrer Disziplin, aber auch ihrem Land, ihrem Kulturkreis, bewirkt etwas. Etwas nicht messbares, nicht unmittelbar verwertbares, bleibt zurück und verändert den eigenen Horizont. Mehr Verständnis, mehr Gemeinsamkeit: wirksamere Mittel gegen jede Radikalisierung und den großen Schatten des Fundamentalismus (in allen Kulturen) läßt sich gar nicht denken. Ich habe gelernt, daß ein Künstleraustauschprogramm mit wirklichen Orten der Begegnung   reale, aktive Förderung dieser großen Ziele, von denen ja eigentlich alle sprechen, bedeutet. Dirk Schlömer im Oktober 2006

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