Tabula Rasa

- Klar Schiff gemacht für die Zukunft -

Nach zwölf Jahren nun zum allerersten Mal auf CD erhältlich - die legendären "Bunker"-Sessions von Dirk Schlömer. Es war für den Musiker eine Zeit der Umstrukturierung, dieses Jahr 1993, als seine Mitgliedschaft bei Ton Steine Scherben schon längst Geschichte und das Kapitel Zikato abgehakt war. Schlömer machte klar Schiff, warf sämtlichen unnötigen Ballast über Bord - Tabula Rasa eben. Nun sollte es sich ergeben, dass das Haus in Köln, unter dem der Bunker seines Dreamhouse-Studio war, abgerissen werden sollte. Weswegen der Musiker noch einmal sämtliche Energien bündelte und Material einspielte, wie es seine bisherige Karriere so noch nicht gehört hatte. Fast schon zum Klang der Abrissbirne über ihn schuf er Songs voller Groove, Magie und einem süchtig machenden Sog, den sich gewiss keiner entziehen kann. Kraut Rock im Techno-Format, Prog mit Groove. Nur eben kein Label traute sich an diese vom musikalischen Standpunkt her waghalsige, weil nicht ins gängige Raster passende Angelegenheit. Nun, nach zwölf Jahren, doch noch das Release. Und zwar via Schlömer eigenem Label Amygdaland. Zeitlos sind Songs vom Format "Hypnotize" oder "1000 Years Ago" sowieso. Weswegen diese Veröffentlichung auf keinen Fall zu spät kommt.

SG: Wie verlief die (Soll-?) Bruchstelle zwischen deinem auslaufenden Projekt Zikato und Tabula Rasa?

Dirk Schlömer: Mit Zikato hatte ich nach Jahren des Umherirrens einen vermeintlich komfortablen Vertrag bei der EMI/Electrola gefunden, d.h. ich konnte mein Album selber produzieren, dazu noch in meinem eigenen Studio, dem Dreamhouse in Köln. So konnte ich tatsächlich, während der 1 ½ Jahre, die wir an ?Incarnation" gearbeitet haben, in meine Ausrüstung investieren und meine Musiker anständig bezahlen. Zum krönenden Abschluss konnte ich die Platte mit Peter Walsh, dem Live-Mixer und Co-Producer einiger Alben von Peter Gabriel, im legendären BigRoom der RealWorld-Studios von Mr.Gabriel himself abmischen. Hier endet aber die Schokoladenseite. Denn schon in der Endphase der Produktion war der Manager, der mich zur EMI geholt hatte, gefeuert worden. Das war zu der Zeit, 1992, ja in der Plattenbranche schon wie bei den Bundesliga-Trainern. Dementsprechend schwach war plötzlich meine Position: musikalische Ergebnisse, wie etwa die Mixe, die ich aus England mitbrachte, spielten gegenüber den personellen und hausinternen Themen nur eine untergeordnete Rolle. Viele Leute sagten mir, dass ich für mein Projekt kämpfen und neue Verbündete im Haus suchen müsse. So kam es, dass ich mit allen möglichen Promotern, Maketing-Leuten etc. Kaffee oder stärkeres trank, um für meine Sache zu werben und irgendwie Freunde z.B. in der Radio-Promotion-Abteilung zu finden. Das Ende dieses Liedes, man ahnt es, war, dass ich über Monate überhaupt keine Musik mehr machte. Zusätzlich hatte ich ja einige Erfolge als Produzent junger Bands (z.B. mit Ultra de Gaulle, der Band meines ?kleinen Bruders). Wenn ich also mal im Studio war, dann saß ich am Pult. Als ich dann meine Live-Besetzung neu formierte, mussten auch neue Leute eingearbeitet werden, ebenso musste ein soundgewaltiges Album live umgesetzt werden. Auch da gab es wenig Freiraum für Neues. Im März 1993 war ich mehr als frustiert, zumal sich herausstellte dass die Besitzerin des Hauses, in dessen Keller mein Studio sich befand, gestorben war und die Caritas, die das Gebäude erbte, als erstes alles abreissen würde. Und zwar schon Anfang `94. Ich musste etwas tun und beschloss, die verbleibende Zeit für das zu nutzen, wofür ich eigentlich den ganzen Betrieb gestartet hatte, um ohne irgendwelche Zwischenschritte- und Händler, sowie ohne erst Demos einzureichen, Platten zu produzieren, so wie ich sie hören wollte. Das aber erschien mir mit dem Image von Zikato unvereinbar. Ich wollte auch inhaltlich reinen Tisch machen, mich von der Rolle als Singer of Songs lösen und Stücke ohne jede stilistische Begrenzung aufnehmen. So war Tabula Rasa geboren.

SG: Beschränkte sich dieses Projekt sowieso nur auf ein Teststadium, d.h. auf die Frage, ob der hörbare Fortschritt in dieser Musik der damaligen Zeit gewachsen war?

Dirk Schlömer: Nein es sollte eben kein Teststadium sein. Alles sollte spontan passieren, aber doch so, dass man es sofort hätte veröffentlichen können.

SG: Die Situation mit dem geplanten Abriss deines Studio in Köln muss schon gespenstisch gewesen sein. Hatte das alles auch Einfluss auf den Sound des Projekts?

Dirk Schlömer: Schwer zu sagen, vor allem nach so vielen Jahren. Aber ich erinnere mich an den Spielzeugladen und die Kneipe über mir. Diese waren beide seit mehr als 10 Jahren dort,   für die war es nun das Ende. Das hat wirklich schon so eine Art endzeitliche Stimmung erzeugt, denke ich, zumal ich viele Nächte alleine dort zugebracht habe.

SG: Warst du dir bewusst, dass du dich mit Tabula Rasa meilenweit vom Mainstream entfernst und somit der Zeit voraus warst?

Dirk Schlömer: Nun ja, es gab ja auch schon Anfang der 90er etablierte Künstler wie Eno, Sylvian oder Bill Laswell, die ihrem Publikum einiges zumuteten, allerdings eben auf der Grundlage eines starken Grooves. Insofern hab ich mich nicht so sehr als Pionier gesehen, sondern beschloss, etwas für mich längst nötiges zu tun, eine Art Befreiungsschlag. Allerdings war mir klar, dass diese Mischung aus handwerklich sehr professionellem, aber inhaltlich verstörendem sicher für einige Leute, zumal in Deutschland, schwierig sein würde. Es war eben auch keine Alternative-Produktion, die in eine bestimmte Szene gehört hätte. Das allerdings die Reise für Tabula Rasa über soviele andere Stationen führen würde, hätte ich nun aber auch nicht vermutet!

SG: Wieso entschiedest du dich dann ?erst' jetzt, diese Produktion einem größeren Publikum vorzustellen?

Dirk Schlömer: Das war eigentlich keine Entscheidung in dem Sinne. Zum einen hab ich erst seit etwa 3 Jahren die Mastering-Tools, also die Möglichkeit, meine älteren Sachen auf hohem Niveau neu zu mastern. Das macht wirklich Freude, wenn man weiß, wie aufwendig und vor allem teuer so etwas noch vor 10 Jahren war. Ich bearbeite so nach und nach alle möglichen älteren Projekte, vor allem an Tagen, an denen die Inspiration nicht auftauchen will. Ich hatte mich allerdings zunächst auf ?Loss" (das ?Nachlass'-Album von Das Zeichen) konzentriert. Das war einfach eine Art Abschied und musste sein. Hier wusste ich von vornherein, wie viele gute Stücke da noch herumlagen. Zum anderen hat der Albert Wiedenhöfer, welcher die Download-Seite Bombtraxx.de soeben gestartet hat, im Juni konkret angefragt, ob er seine Seite mit u.a. unveröffentlichten Aufnahmen von Neues Glas und eben Tabula Rasa starten könne. Da ich hierfür sowieso eine endgültige Running Order und ein Cover bestimmen musste, dachte ich, dann sollte es nun endlich auch die CD geben.

SG: Kann man davon ausgehen, dass Tabula Rasa den Grundstein für alle Dinge, die da noch kommen sollten, von Amygdala, über Das Zeichen bis hin zu Ornah-Mental, liefern sollte?

Dirk Schlömer: Tja, all die Stationen, hab ich ja eben auch im Kopf gehabt. In dem Sinne, dass der Befreiungskampf   erst mit Tabula Rasa anfing, war dieses auch der Grundstein. Künstlerisch ist sicher manches dazugekommen, das ich damals noch nicht kannte. Etwa so ein Bedürfnis nach Ruhe oder Leere in der Musik. Obwohl, vielleicht war der Wunsch doch schon dabei?

SG: Ist, bei dementsprechender Nachfrage, vielleicht noch etwas zu diesem Thema geplant?   

Dirk Schlömer: Geplant wäre übertrieben, aber, es gibt durchaus einige Entwürfe, die einem Tabula Rasa Album gut anstehen würden.                                     ***CA